5 Mythen rund um die frühe Fremdbetreuung

Fremdbetreuung – schon allein dieses Wort ist irgendwie negativ belegt, darauf hat mich eine Mutter bei Facebook hingewiesen, nachdem ich dort etwas darüber geschrieben hatte. Als würden wir unser Kind einfach einer fremden Person in die Hand drücken! Auch wenn für mich der Begriff eine eher neutrale Beschreibung ist, verstehe ich ihre Perspektive – denn es gibt viele Vorurteile und Ängste bezüglich einer frühen Fremdbetreuung, die zum Teil völlig unbegründet sind.

Aber es stimmt auch, dass es Entwicklungsrisiken gibt, wenn wir beispielsweise die Eingewöhnung überstürzen und unser Kind keine richtige Bindung zur Pflegeperson aufbauen kann. Wenn das Kind noch sehr klein ist, viele Stunden in einer Einrichtung mit niedrigen Betreuungsschlüssel verbringt oder auf wenig feinfühlige Erzieher trifft.

Daher möchte ich heute mit 5 Vorurteilen oder Mythen rund um die frühe Fremdbetreuung aufräumen:

Mythos #1: Frühe Fremdbetreuung ist unnatürlich

In der Natur gibt es die unterschiedlichsten Arten und Weisen, Nachwuchs großzuziehen: Schildkrötenbabies sind von Anfang an auf sich gestellt. Bei manchen Arten sind die Mütter zuständig, bei anderen die Väter, wieder andere teilen sich die Aufzucht (z.B. viele Vogelarten) und dann gibt es noch die Arten, die auf eine kooperative Aufzucht setzen. Zu dieser Art gehören auch wir Menschen.


Wenn wir uns die Kinderbetreuung in noch heute existierenden Jäger- und Sammlerkulturen ansehen, so werden Kinder dort u.a. von Geschwistern und anderen Erwachsenen der Gemeinschaft betreut, teilweise im großen zeitlichen Umfang. 
Von Unnatürlichkeit kann hier also keine Rede sein!

Mythos #2: Wenn mein Kind nicht (mehr) weint, ist es erfolgreich eingewöhnt

Aus Sicht der Bindungsforschung wird in einer Trennungssituation das Bindungsverhalten deines Kindes aktiviert. Durch Weinen, Schreien, evtl. Hinterherlaufen, Klammern etc. möchte dein Kind dir sagen: Diese Trennung fällt mir schwer. Ich versuche mit meinen Mitteln dir wieder nah zu sein. Auch bei uns wird als Reaktion Bindungsverhalten ausgelöst – wir nehmen unser Kind in den Arm, trösten es etc. 

Während der Eingewöhnung ist es daher das oberste Ziel, dass dein Kind seine Bezugserzieher*in als weitere Bindungsperson annimmt. In diesem Fall kann diese dann nämlich den Trennungsschmerz deines Kindes mildern, z.B. in dem sie es auf den Schoß nimmt oder ihm einige Minuten Aufmerksamkeit und Zeit schenkt. 
Weinen heißt also nicht, dass dein Kind sich nicht wohl fühlt – es muss nur bei der Verarbeitung der Trennung von einer Bindungsperson unterstützt werden. Wichtig ist mir, das klar abzugrenzen von „Da muss es durch, das hört schon gleich auf zu schreien“!! Und Kinder, die in Panik schreien, sollten niemals zurück gelassen werden.

Nicht-Weinen spricht aber umgekehrt auch nicht automatisch für eine gelungene Eingewöhnung oder dafür, dass das Kind nicht unter Trennungsschmerz leidet. Die Forschung zeigt, dass diese „unkomplizierten“ Kinder zum Teil sogar ein besonders hohes Cortisollevel haben – d.h. besonders viel Stress empfinden. Sie haben möglicherweise gelernt, dass Weinen oder anderes Verhalten nicht zum Erfolg führt und „aufgegeben“.

Zusammenfassung: Das Weinen oder Nicht-Weinen allein ist kein Indiz für eine erfolgreiche Eingewöhnung oder für ein besonders selbständiges Kind und genauso wenig für großen Stress und Überforderung. Dazu müssen Eltern und Erzieher*innen viel genauer hinsehen.

Mythos #3: Die Wissenschaftler sind sich einig, was die Auswirkungen früher Fremdbetreuung betrifft

Wissenschaftler sind sich selten einig, das liegt quasi in der Natur der Forschung. Oft entscheidet schon die Art der Untersuchung zumindest zum Teil über das Ergebnis. Experimentelle Studien sind bei diesem Thema beispielsweise kaum möglich – was dazu führt, dass wir häufig nur von Korrelationen sprechen oder andere Ursachen einfach nicht ausschließen können. 
Und mit starken Meinungen in die ein oder andere Richtung können sich auch die Forscher besser in den Medien positionieren. 
Das Risiken der frühen Fremdbetreuung existieren und unter anderem langfristige negative Veränderungen des Stresserlebens und Verhaltens drohen, lässt sich aber nicht leugnen. Dabei spielt zum Beispiel der Betreuungsschlüssel und die Dauer des Besuchs eine zentrale Rolle. Unklar ist aber noch, inwiefern die Qualität der Einrichtung einen Einfluss hat.

Viele Fragen sind noch offen und was die Wissenschaft sagt, mag im Einzelfall ganz anders aussehen. Dennoch gibt es einige interessante Studienergebnisse zu dem Thema, die man in meinen Augen mitbedenken sollte. 

Mythos #4: Die Bindung zur Mutter leidet unter einer Fremdbetreuung

Zunächst ein bisschen Theorie aus der Bindungsforschung: 
Kinder bilden im Laufe ihres ersten Lebensjahres eine hauptsächliche Bindung zu der Person aus, die sich die meiste Zeit und feinfühlig um sie kümmert. Andere Personen können zwar ebenfalls wichtige Bindungspersonen werden, allerdings bildet das Kind eine klare Bindungshierarchie aus: Bei Unsicherheit und Angst wendet das Kind sich am liebsten einer bestimmten Person zu und leidet unter einer Trennung von dieser besonders. 

Ein erfülltes Bedürfnis nach Bindung ist für Kinder sehr wichtig für ihre seelische Gesundheit und die Voraussetzung dafür, dass sie überhaupt neugierig und aktiv ihre Umwelt erkunden. 
Deshalb ist Bindung also auch im Kontext von Fremdbetreuung von enormer Bedeutung.

Wenn dein Kind bereits eine emotional stabile, sichere Bindung zu dir aufbauen konnte, kann eine feinfühlige Pflegeperson ab dem zweiten Lebensjahr ebenfalls eine enge Beziehung zu ihm aufbauen ohne an eurer Bindung zu rütteln. 
Aber(!!): Eine Bindungsverwirrung kann auftreten, wenn die Pflege schon im ersten Lebensjahr beginnt, dein Kind mehr als einen halben Tag in der Pflege verbringt oder du in der verbleibenden gemeinsamen Zeit nicht feinfühlig auf dein Kind eingehen kannst (z.B. durch starken Stress in deinem Job). Eine besonders harte Vorgehensweise bei der Eingewöhnung kann ebenfalls die sichere Bindung zur Mutter erschüttern.

Mythos #5: Bei der Eingewöhnung sollten wir uns nach einem bestimmten Modell richten

Die Eingewöhnung ist an ihrer Bedeutung für die seelische Gesundheit nicht zu unterschätzen und das oberste Ziel sollte es sein, dass dein Kind eine sichere Bindung zur Pflegeperson aufbaut und diese als sichere Basis anerkennt und nutzen kann.
Einige Modelle wurden in der Absicht entworfen, einen groben Rahmen vorzugeben, in dem dies gelingen kann. Sie waren jedoch nie als absolute Richtlinie gedacht, von der man nicht abweichen darf. Auch die Zeitangaben können nur ein grober Richtwert sein.

Das Kind, seine Eltern, die Pflegeperson und viele weitere Faktoren machen jede Eingewöhnung einzigartig. Meine klare Empfehlung an dich an dieser Stelle lautet also: Tritt dafür ein, deinem Kind die Zeit zu lassen, die es braucht. Eine sanfte, individuelle Eingewöhnung ist ein wichtiges Qualitätsmerkmal für die Einrichtung!

Auch für uns als Mütter oder Väter kann diese Zeit schwierig sein und erfordert, dass wir eine vertrauensvolle Beziehung zur Pflegeperson und der Einrichtung aufbauen. Den Stress unseres Kindes müssen wir besonders liebevoll und feinfühlig begegnen, auch das erfordert Kraft von uns.

Kurzum: Die Eingewöhnungszeit ist unglaublich wichtig und erfordert viel Anstrengung von allen Seiten. 

Bindung als Leitstern & aktuelle Termine

In meinen Augen gibt uns die Bindungstheorie und -forschung viele Antworten und Bindung kann als Leitstern für eine gelungene Fremdbetreuung gelten. Mir liegt das Thema wirklich sehr am Herzen und deshalb gibt es in Kürze mein erstes Webinar zu diesem Thema.

“Babysitter, Kita, Tagesmutter – so klappt’s mit der Fremdbetreuung!” – Mehr Infos und einen Link zur Anmeldung für den 04. Juli 2020 gibt’s hier.

Ich würde mich freuen, wenn du dabei bist!

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