Ideale in der Schwangerschaft – Wie die eigenen Erwartungen uns prägen

Früher oder später trifft werdende Eltern die Erkenntnis, das manches irgendwie anders verläuft als gedacht und geplant. Vielleicht fühlst du dich in der Schwangerschaft weder voller Hoffnung noch topfit. Oder das geplante Kinderzimmer mit selbstgehäkeltem Mobilé und von Papa gezimmerter Wickelkommode geht im Trubel irgendwie unter.

Eltern entwickeln ganz natürlich im Laufe der Schwangerschaft, ja vielmehr im Laufe ihres Lebens ein Ideal davon, wie eine Schwangerschaft, die Geburt, das eigene Baby, sie selbst als Mutter oder Vater und die Familie drumherum eigentlich aussehen sollen.

Welche Ideale beeinflussen dich? – Eine Partnerübung

Denke in einem ruhigen Moment mal darüber nach, welche Erwartungen und Ideale du persönlich mitbringst. Du kannst die Übung auch machen, wenn du schon ein Kind hast: Dann überspringst du einfach Schwangerschaft und Geburt. Es kann besonders spannend sein, wenn du die Übung gemeinsam mit dem Partner oder Freundinnen und Freunden durchführst.

Fragen zur Inspiration

  • Welche Szenen und Bilder tauchen bei dir auf, wenn du an dein “ideales” Baby denkst? Vielleicht ein glücklich glucksendes Baby aus der Windelwerbung?
  • Welche Erfahrungen mit kleinen Kindern hast du im Familien- oder Freundeskreis gemacht? Dein Kind soll schneller durchschlafen als das deiner Schwester? Und auf jeden Fall in seiner Entwicklung immer etwas dem Baby deines Arbeitskollegen voraus sein?
  • Wie sieht der “ideale” Tagesablauf auf? Welche “Aufgaben” hat dein Baby darin? Wann läuft alles nach Plan und entspannt für dich? Vielleicht wenn das Baby schnell einen festen Schlaf- und Trink-Rhythmus hat und in den Wachphasen aufmerksam und fröhlich ist?
  • Welche Erwartungen anderer Personen werden an dein Baby gestellt? Möchten die Großeltern es gerne ohne Weinen auf den Arm nehmen oder mit seinen Fortschritten bei den Nachbarn angeben können?
  • Welche Eigenschaften bringen dein Partner und du mit? Welche soll dein Baby erben? Welche besser nicht? Soll es vielleicht die sportliche, mutige Tochter sein oder der Sohn, der sich schon früh für Elektrotechnik begeistern kann?

Schreib ruhig alles auf, was dir in den Kopf kommt. Auch zu allen anderen Bereichen: Die ideale Schwangere ist zum Beispiel gut informiert und körperlich gesund und fit, die ideale Geburt läuft störungs- und nahezu schmerzfrei ab, Mütter gehen gleichzeitig feinfühlig auf die Bedürfnisse des Kindes UND des Partners ein, die Väter sind selbstverständlich höchst involviert und packen mit an und die Großfamilie ist in der Nähe und unterstützend, hält sich aber mit ungefragten Ratschlägen zurück…diese Übung darf ruhig Spaß machen 😉

Wie prägen dich deine Ideale?

Wichtig ist: Ideale zu haben ist keine Krankheit! Es ist völlig normal, ja zum Teil sogar sinnvoll, sich in der Schwangerschaft ein positiv gefärbtes Bild von der Zukunft zu machen. Denn Angst oder Sorgen sind ein schlechter Begleiter in dieser Zeit. Aber sie können auch zwei verschiedene Probleme auslösen:

#1 Du fokussierst dich auf die Abweichung

Du solltest dir bewusst machen: Egal wie sehr wir uns von diesen Idealen abgrenzen, sie wirken auf unsere Wahrnehmung und Bewertung einer Situation oder eines Verhaltens. Nach der Geburt müssen sich viele Eltern auf die Realität einstellen und von den Idealen regelrecht Abschied nehmen. Es kann passieren, dass dir all das besonders auffällt, was vom Ideal abweicht (Hilfe, mein Kind schläft mit drei Monaten noch nicht durch! Und mein Bauch sieht auch noch ziemlich schlabbrig aus…). Dies erzeugt dann unnötigen Druck und Stress.

#2 Du übersiehst die Abweichung

Du kennst vielleicht auch Beispiele, in denen es genau umgekehrt läuft: Ein ruhiger, introvertierter Sohn wird von seinen Eltern dann als “wilder Räuber” bezeichnet, eine laute und wilde Tochter vielleicht als “kleines Mäuschen”. Die Kinder werden also durch die Schablone der Erwartungen gesehen. Das ist für die Entwicklung des Kindes sehr ungesund: Prof. Karl Heinz Brisch, Bindungsforscher und Psychiater, spricht vom “Nilpferd, aus dem man kein Rennpferd machen kann”. Die Galopprennbahn mag für den Rest der Familie der Lebensinhalt sein, aber das Nildpferd fühlt sich eben im Wasser am wohlsten – und zeigt erst hier seine besonderen Stärken. Im besten Fall lernt das Kind, dass es selbst “Wert” hat, unabhängig davon, ob es bestimmten Erwartungen entspricht oder nicht. Und Eltern lernen ebenfalls genau das: Sie haben Wert, egal ob sie den (eigenen) Erwartungen entsprechen oder nicht.

Jetzt bin ich gespannt auf eure Kommentare: Wie ist es dir bei der Übung ergangen? Welche Ideale belasten dich, über welche kannst du lachen? Und fokussierst du dich eher auf die Abweichung oder übersiehst du sie leicht?

Foto: pexels.com

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