Mythos Mutterinstinkt – Was liegt uns in den Genen?

Es klingt so einfach: Das Baby kommt auf die Welt und im Kopf legt sich ein Schalter um. Es ist so natürlich, so ursprünglich, so selbstverständlich, wie seit Tausenden von Jahren. Ich lege mein Baby an die Brust, es fängt sofort an zu trinken und ich lehne mich entspannt zurück. Nach einiger Zeit wechsle ich die Seite und mein Baby trinkt genüsslich zu Ende. Ich spüre genau, wann es wirklich satt ist. Ich spüre überhaupt sehr genau, was es in jedem Moment braucht. Mein Instinkt sagt mir, ob es Hunger hat, müde ist oder gerne auf meinem Arm getragen werden will. Mein Instinkt sagt mir auch, ab wann es zeitweise fremdbetreut werden kann, was bei Wut zu tun ist und wann ich mit einem kranken Kind besser zum Arzt gehen sollte. Niemals Selbstzweifel, niemals Unsicherheit. Schließlich gibt es dies alles doch schon sein Anbeginn der Menschheit. 

Auch wenn das Szenario sehr verlocken klingt, so läuft es nicht! Mutterschaft genauso wie Vaterschaft liegt uns nur äußerst begrenzt in den Genen. Wieso das so ist, was uns von anderen Lebewesen unterscheidet und was uns stattdessen in den Genen liegt – darüber möchte ich heute berichten.

Was die Evolution uns nicht mitgegeben hat

Als meine Tochter noch sehr klein war, fiel mir das Buch „Menschenkinder“ von Herbert Renz-Polster in die Hände. Man könnte denken, dass der Trend zur „artgerechten“ Erziehung und der evolutionären Sicht auf Kinder uns Eltern vorschreibt, einfach mal mehr auf unsere Intuition zu hören. Ich war sehr erleichtert, als ich das Gegenteil in seinem Buch fand. 

Viele Tiere haben tatsächlich einen angeborenen Instinkt, wie ihr Nachwuchs zu versorgen und aufzuziehen ist. Andere Lebewesen, dazu gehören Affen und wir Menschen, entwickelten im Gegenzug ein unreifes Gehirn, das wenig vorprogrammiert ist. Der unglaubliche Vorteil: Diese Lebewesen können sich an unterschiedlichste Bedingungen anpassen. Klima, Kultur, Umwelt, Ressourcen – wir wachsen auf in einer schwer vorhersehbaren Welt und unser Gehirn ist bestens dafür vorbereitet, sich darin zurechtzufinden. Der Nachteil: Uns fehlt der „Autopilot“, der einfach blind ein vorgefertigtes Programm abspult. Bis auf einige Ausnahmen, wie unsere Fluchtreaktion oder Schmerzvermeidung.
Für das Überleben unseres Nachwuchses ist es offenbar wichtiger, dass wir uns flexibel an unsere Umwelt anpassen können, als das wir sehr sicher wissen, was zu tun ist. Diesen Gedanken finde ich unglaublich (ent)spannend!

Was wir von Affenmüttern lernen können

Du denkst jetzt vielleicht: Aber die Affen in freier Wildbahn haben doch auch keine Kurse oder Bücher? Die kriegen es doch auch hin?
Das stimmt! Aber das liegt nicht an ihrem angeborenen Instinkt. Dazu zwei Beispiele aus Renz-Polsters Buch:

  • Affenmütter, die in Gefangenschaft geboren wurden, haben häufig Probleme zu stillen. In einem Fall wurde beobachtet, dass die Mutter das Kind mit dem Hinterkopf zur Brust hielt.
  • Das Spielen mit Babies macht kleinen Affenmädchen große Freude: Sie versuchen regelrecht, den Müttern diese zu entlocken, um „üben“ zu können.

Den Umgang mit ihren Babies lernen Affenmütter den Forschern zufolge durch die Erfahrungen mit der eigenen Mutter und durchs Spielen.
Und das lässt sich durchaus auf den Menschen übertragen. Zwar können wir dies als Erwachsene nicht mehr ändern – aber wir können uns mit der eigenen Kindheit auseinandersetzen. Und verstehen, wie wichtig der Austausch mit anderen Eltern ist. 

Was uns die Evolution dann doch noch schenkt

Trotz der mangelnden Erfahrung sind die meisten Eltern doch ziemlich gute Eltern. Denn: Im Stich gelassen haben uns unsere Gene bei der Aufzucht unseres Nachwuchses natürlich nicht. 

Das unprogrammierte Gehirn bietet den Vorteil: Wir sind enorm lernfähig! Wir lernen, die individuellen Signale unseres Kindes zu lesen und flexibel mit unseren Umweltbedingungen umzugehen.
Ganz intuitiv (ja, diesmal tatsächlich) verhalten wir uns in der Nähe von Neugeborenen ruhiger, langsamer und sprechen anders. Das Schreien von ihnen weckt in uns das Bedürfnis prompt zu reagieren – alles wesentliche Bausteine für unsere Feinfühligkeit.

Unser Baby ist ebenfalls darauf vorbereitet, dass wir nicht alles können und wissen: Kleinere Missverständnisse in unserer feinen Abstimmung miteinander, die anschließend aufgehoben und verbessert werden, festigen sogar nachweislich die Bindung. Und durch seine Fähigkeit, sich an mehrere Bezugspersonen zu binden, kommt es sehr gut mit einer kooperativen Aufzucht – also mit Unterstützung- zurecht.

Wozu ich dich an dieser Stelle ermutigen möchte

Selbstzweifel und Unsicherheit sind ein Teil des Elternseins – das ist unser Motor zum Lernen! Es klappt nicht alles „von Natur aus“ und immer reibungslos – das ist so vorgesehen 😉

Schaffe dir ein unterstützendes Umfeld aus anderen Eltern und Menschen, die dir tatkräftig helfen, dein Kind aufzuziehen!

Jetzt bin ich gespannt:
Fühlst du dich manchmal unter Druck, alles intuitiv wissen zu müssen? Und was liegt dir im Alltag in den Genen? 

Hinterlass mir gerne deine Gedanken zu diesem Beitrag in einem Kommentar!

Foto: pexels.com

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